Nordkorea schasst Armeechef

5 08 2012

(Georg Fahrion, Berlin, DIENSTAG, 17. JULI 2012 FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND) In einem außergewöhnlichen Schritt hat Nordkoreas Arbeiterpartei den Armeechef des Landes entmachtet. Wie die staatliche Nachrichtenagentur KCNA am Montag berichtete, habe das Politbüro Ri Yong-ho „wegen seiner Krankheit“ aus dem Präsidium des Politbüros, dem Zentralkomitee und als Vizevorsitzenden der Zentralen Militärkommission der Partei entlassen.

Ob Ri auch den Posten als Generalstabschef der mächtigen Volksarmee verloren hat, ist nicht bekannt, gilt aber als wahrscheinlich. Ri war erst 2009 in den innersten Machtzirkel aufgerückt und galt als wichtiger Unterstützer des jungen Diktators Kim Jong-un. Bei der Trauerprozession für den im Dezember 2011 verstorbenen Kim Jong-il war er neben dessen Sarg marschiert. Kim Jong-un hat sich oft mit Ri gezeigt und ihn auf Inspektionsreisen zu Militäreinheiten mitgenommen.

Machtelite in Bewegung Nordkorea-Kenner tun sich schwer mit der Deutung – zu undurchsichtig ist das dortige Machtgeflecht. Zunächst gilt als möglich, dass der 69-Jährige tatsächlich krank sei. Auf Fotos, die auf Anfang Juli datieren und die Ri beim Besuch von Neubauwohnungen in Pjöngjang zeigen, scheint er zwar nicht körperlich angeschlagen.

Der Nordkorea-Experte Leonid Petrov von der Universität Sydney gibt aber zu bedenken, Ri könne einen Autounfall gehabt oder einen Herzinfarkt erlitten haben. Jedoch: „Wenn es nicht die Gesundheit war, könnte es sich um eine Säuberung handeln.“

In diesem Fall stellt sich die Frage, ob eine Gruppe von Gegenspielern oder der junge Diktator selbst Ri gestürzt hat. „Es kann sein, dass sich Kim Jong-un mehr Handlungsfreiheit verschafft“, sagt Rüdiger Frank, Professor für Ostasienwissenschaften an der Universität Wien. „Es kann aber auch sein, dass wir gerade den ersten Schritt seiner Demontage beobachten.“

Vielleicht hatte Ri seine Rolle als Steigbügelhalter erfüllt. Oder er hatte seinen Schützling, der Petrov zufolge als ehrgeizig, aber auch reizbar und launisch gilt, zu sehr bevormundet. Anzeichen für Kurswechsel? Offiziell hat sich der in der Schweiz ausgebildete Kim Jong-un zur Politik des „Songun“ („das Militär zuerst“) seines Vaters bekannt. Im April hat er aber jüngere Funktionäre mit Wirtschaftskenntnissen in mächtige Parteiposten gehievt.

„Beobachter Nordkoreas erwarten, dass Kim Jong-un versucht, Ökonomen mehr Macht zu geben, Diplomaten, Leuten, die etwas vom internationalen Handel verstehen“, sagt Petrov. „Das könnte eine Abkehr vom Songun bedeuten – hin zu einer Politik, die mehr auf wirtschaftliche Entwicklung setzt.“

Die Nachrichtenagentur Bloomberg zitierte den südkoreanischen Analysten Cheong Seong-chang, demzufolge Kim Jong-un das Militär zunehmend für Wirtschaftsinitiativen mobilisieren wolle. Sein Widerstand gegen diese Prioritätensetzung habe Ri die Macht gekostet. Bloomberg berichtete, unmittelbar nach Ris Absetzung habe der junge Diktator eine Botschaft an Nordkoreas Soldaten gesandt, um ihnen für „ihre gewaltigen Leistungen bei bedeutenden Bauprojekten“ zu danken, darunter das landesgrößte Wasserkraftwerk.

„Meine eigene Theorie ist, dass Kim Jong-un auf eine Verbesserung der Beziehungen zu Südkorea setzt“, sagt Petrov. Ri stand als Planer und Kommandeur hinter der Bombardierung der südkoreanischen Insel Yeonpyeong im November 2010.


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